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| Die Sterne sind gar nicht so weit weg
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Von wegen abgehoben: Frank Spilker spricht ganz nahbar über das Bandjubiläum
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Die Hamburger Schule ist erwachsen geworden: Die Sterne anno 2003.
(Bild: Virgin)
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(tsch) Die "Hamburger Schule" ist erwachsen geworden. Die Sterne feiern Plattenjubiläum. 1993 erschien ihr Debütalbum "Wichtig". Der unverwechselbare Sound des hanseatischen Musikerkollektivs: Grooviger, vom Funk beeinflusster Deutsch-Rock mit anspruchsvoll verqueren Texten von Sänger Frank Spilker. Fünf weitere Alben sollten folgen. Inklusive Hits wie "Universal Tellerwäscher" oder "Was hat dich bloß so ruiniert". Kein Zweifel, die Sterne sind heute eine der intelligentesten und reflektiertesten Bands im deutschen Rock-Showbiz. Zum Wiegenfest schenkt die Band sich und ihren Fans ein ungewöhnliches "Best Of"-Album. Ein guter Anlass, sich mit Frank Spilker einmal über die letzte Dekade deutscher Popmusik im Allgemeinen und über die Wandlung der Sterne im Besonderen zu unterhalten.
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Von wegen "ruiniert": Die Sterne stehen im Jubiläumsjahr ganz gut da.
(Bild: Virgin)
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VIVA: Herr Spilker, warum veröffentlichen Sie zum Bandjubiläum ausgerechnet ein Live-Album?
Frank Spilker: Wir wollten etwas Besonderes zu unserem Jubiläum machen. Und mittlerweile ist ein Live-Album doch schon wieder was Besonderes. Außerdem ist das Live-Spielen eben auch eine spezielle Stärke der Band. Eine Qualifikation, die man sich erst dadurch erwirbt, dass man so lange zusammen arbeitet. Ich denke manchmal sogar, dass man den Live-Charakter gar nicht so hört, weil die Musik so gut gespielt und gemischt ist, dass es fast schon nach Studio klingt. Trotzdem ist alles live - anders als bei vielen großen Live-Alben der 70-er. Queen, AC/DC, und so weiter ... - bei vielen Live-Alben waren doch nur die Applausspuren live. Der Rest wurde im Studio konstruiert. Was auch o.k. ist, denn diese Konstruktion hat eben ihre eigene Tradition.
VIVA: Gab es keine Bedenken von Seiten der Plattenfirma? Welcher junge Mensch sehnt sich heute schon nach einem Live-Album seiner Lieblingsband?
Spilker: Nein, die Idee haben wir ja zusammen entwickelt. Auch weil es eine coole Art ist, mal ein "Best Of"-Album zu machen. Allerdings würden wir bei einem richtigen "Best Of" andere Stücke auswählen. Das hier ist nun die Auswahl der Stücke, die live am besten funktionieren, es sind nicht unbedingt unsere besten Aufnahmen. Aber wir haben ja vielleicht noch ein paar Jahre ...
VIVA: Wenn Sie die zehn Jahre Ihrer Band in verschiedene Abschnitte einteilen müssten, was käme dabei heraus?
Spilker: Ich würde drei Abschnitte mit je zwei Alben sehen. Die ersten beiden unterscheiden sich darin, wie wir wahrgenommen wurden und in welchem Umfeld wir veröffentlichten. Die ersten beiden Platten waren bei einem Indie-Label, und wir verkauften sehr wenige Platten. Gleichzeitig spürte man aber bei Konzerten, dass über die Band geredet wurde. Dass viel mehr Leute die Band kannten als Platten gekauft wurden. Der zweite Abschnitt begann mit "Universal Tellerwäscher", einer Single, die auf VIVA lief. Daraus wurde ein Major Deal und das dritte und vierte Album. Das war dann auch ein ganz anderes Erleben dieser Bandwirklichkeit. Bei Veröffentlichungen schauten wir nun, wie die Öffentlichkeit reagiert. Es hatte alles eine andere Dimension. Plötzlich wurde aus einer Band, die halt irgendwie funktionieren musste, weil man ja noch was anderes zu tun hatte, ein ganz anderes Erleben. Ein Berufsbild eben. Eine Vollzeitbeschäftigung. Ganz andere Ansprüche entstanden, aber auch ganz andere Möglichkeiten, weil man sich voll auf die Musik konzentrieren konnte. Die dritte Phase begann, als unserer alter Keyboarder ausgestiegen ist und wir vor drei Jahren die ganzen Arrangements noch einmal neu aufgebaut haben.
VIVA: Am Anfang sortierte man Die Sterne in die Schublade "Hamburger Schule". Musikalisch erklärt der Begriff jedoch wenig. Wie würde man jemandem im Ausland die Musik der Sterne erklären?
Spilker: Musikalisch gibt es verschiedene Phasen bei den Sternen, das hört man auch auf dem Livealbum. Am Anfang hatten wir es dieses Red-Hot-Chilli-Peppers-mäßige Crossover-Ding. Da konnte man den Einfluss von Funk der Marke Parliament oder Funkedelic und diese extrem verzerrten Gitarren hören. Später geht es dann immer mehr in Richtung Songwriting.
VIVA: In Ihren Texten benutzen Sie immer sehr viele Worte? Ist das nicht ein Gegenpol zum eher sparsamen Funk?
Spilker: Dem muss ich widersprechen. Funkige Beats mit viel Text - das ist eine Umschreibung für HipHop. Da gab es immer viel Text zu hören, auch früher bei den Chilli Peppers. Dagegen haben unsere jüngeren Stücke wie "Sorglos" oder "Nur Flug" nur ganz wenig Text.
VIVA: Es heißt, dass Sie anfangs stark von der Begeisterung für HipHop motiviert waren. Warum haben Sie dann überhaupt eine Band mit traditionellen Instrumenten gegründet?
Spilker: Die Begeisterung für HipHop war reines Fantum. Es war die gleiche Begeisterung, mit der ein paar Jahre später Fettes Brot oder andere Leute HipHop gemacht haben. Wir spielten zu diesem Zeitpunkt eben schon in einer Rockband. Deshalb haben wir uns andere Wege überlegt. Doch wenn ich heute mit HipHoppern rede, dann merke ich, dass wir damals dieselben Vorbilder hatten. Alle fanden wir NWA gut und die ganze New School. Die unterschiedlichen Konsequenzen haben aber auch damit zu tun, dass wir eben fünf bis sieben Jahre älter waren als die jungen HipHopper. Wir fingen eben nicht bei Null an.
VIVA: Wie hat sich deutschsprachige Rockmusik in den zehn Jahren verändert?
Spilker: Die Ansprüche sind gestiegen. Vor zehn Jahren wurde man noch mit größerem Schrott konfrontiert. Wobei ich nicht sage, dass es heute keinen Schrott gibt. Aber der Flow des HipHop, den ja schon Fanta 4 gegen Mitte der 90-er drauf hatten, der hat sich entscheidend verbessert. Heute kann man nicht mehr so holprig rappen wie in den 80-ern. Das ist rhythmisch variantenreicher, da hat man nicht mehr das Gefühl einer Kunstsprache. So etwas hat Einfluss bis in die schrottigsten Bereiche der Charts. Die Produzenten wissen, es muss wenigstens grooven, wenn man so etwas macht.
VIVA: Sie sprechen viel vom Rappen ...
Spilker: Rap war der große Innovationsschub in Deutschland in den letzten zehn Jahren.
VIVA: Im Moment wird wieder viel über eine Radioquote zugunsten deutscher Songs gesprochen. Sind Sie für eine solche Quote? Als ich mir neulich die Top-Ten der Singles anguckte, waren die Hälfte der Titel deutsch ...
Spilker: Das stimmt, es gibt relativ viel Deutschsprachiges in den Charts zurzeit. Aber es existiert auch ein Ungleichgewicht zwischen den Verkäufen und den Einsätzen dieser Songs im Radio. Im Radio geht es darum, möglichst wenig Leute abzuschrecken. Das ist das Konzept. Es wird nicht das gespielt, was möglichst viele Menschen interessiert, sondern dass, wobei möglichst wenige Menschen abschalten - damit die Werbung dann auch gut funktioniert. Deshalb haben es deutsche Titel oft schwer. Ich glaube aber, dass man dieses Problem nicht über die Quote lösen sollte. Die schadet der Musik letztendlich mehr, als dass sie ihr nutzt. Denn so spielen die Leute etwas, das sie eigentlich gar nicht spielen wollen. Man sollte Leuten, die kommerzielles Radio machen, nicht die Aufgabe übertragen, Kulturgut im Sinne der Allgemeinheit zu schützen. Man sollte dem eher Inseln entgegensetzen, wo etwas abseits vom Kommerz geschehen kann. Also freies Radio zum Beispiel. Ich glaube auch nicht, dass es kulturell wertvoller ist, in deutscher Sprache zu singen. Vielleicht ist es irgendwann einmal viel subversiver, auf Englisch zu texten.
VIVA: Ist es für eine Rockband mit deutschen Texten schwieriger geworden?
Spilker: Kann ich nicht sagen. Es gibt keinen allzu beherrschenden Trend heutzutage. Ich finde es sogar gut, dass man progressive Rockmusik heute nicht mehr unbedingt auf Deutsch singen muss. Dass so etwas wie The Notwist zum Beispiel erfolgreich ist und einen internationalen Anspruch hat, das freut mich.
VIVA: Es scheint heute nicht mehr so die große Rolle zu spielen, in welcher Sprache man singt ...
Spilker: Ja, es ist alles möglich geworden. Und es hätte auch schon immer so sein sollen. Wir haben uns nur deshalb für die deutsche Sprache entschieden, weil man so viel direkter verstanden wird. Weil die Leute hinhören.
VIVA: Wie sehen Sie Ihre Entwicklung als Texter?
Spilker: Das Prinzip der Collage, das wir am Anfang noch stärker zwischen Text und Musik anwendeten, ist heute einem Prinzip des musikalischen Modellierens gewichen. Früher hatten wir einen Groove und einen Text dazu. Dann haben wir probiert, dass das irgendwie zusammengeht. Heute entsteht die Melodie eines Songs eher aus dem Text. Die Melodien sind näher bei den Texten. Das ist dann wohl das Prinzip Songwriting. Trotzdem kann man nicht sagen, dass das eine bessere Ergebnisse erzielt als das andere. Bei uns entspricht es einfach einem Wechsel des Interesses und der Arbeitsweise.
VIVA: Früher waren Ihre Texte und Art zu singen von einer gewissen Eile oder sogar von Gehetztheit geprägt. Gab es dafür Vorbilder?
Spilker: Die gab es im HipHop. Unter den deutschen Textern mochte ich Friedrich Hollaender und Rio Reiser. Auch die Fehlfarben, Peter Hein. Ich finde aber nicht, dass jeder Song von mir gehetzt klingt. Das Überstürzen ist eher eine Art des Timings. Dass man eben mehr Information liefert als man zu diesem Zeitpunkt verarbeiten kann. Und das war ganz klar ein Einfluss von HipHop. Gruppen wie Public Enemy oder NWA, die waren verdammt schnell. Und die haben das auch ganz bewusst gemacht, sodass man von ihrer Musik erschlagen wird. Nicht nur von Worten, sondern auch von Samples und musikalischen Ereignissen. Das habe ich immer als so eine Art Droge empfunden. Genau wie richtig harte, laute Rockmusik. Es tut ein bisschen weh, aber irgendwo ist es auch geil.
VIVA: Ihre Texte waren nicht nur schnell, sondern in der Aussage auch recht verschlüsselt? Andere deutsche Texter wie Jochen Distelmeyer von Blumfeld haben sich immer mehr in Richtung einer klaren Aussage hin entwickelt. Sehen Sie bei sich eine ähnliche Entwicklung?
Spilker: Ja, dieselbe. Man kann nicht von verschlüsselt zu noch verschlüsselter kommen. Es ist ja auch eher ein Überfordern. Dass man weiß: für einen Popsong ist das eigentlich zu komplex. Aber das war natürlich auch Absicht. Ich glaube, ich spreche für Jochen und für mich, wenn ich sage, dass wir das alles nicht gemacht haben, um irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Wir hatten die Utopie, über diese neuen Wege auch andere Formen entdecken.
VIVA: Aber was genau wollten Sie mit dieser Ästhetik ausdrücken?
Spilker: Meine frühen Texte haben auch etwas mit den Beat-Autoren, mit deren "Stream Of Consciousness" zu tun. Also gar nicht groß nachdenken, sondern einfach erzählen. Da läuft unbewusst etwas ab, und das hat einen Sinn. Den muss man auch nicht unbedingt wissen. Aber es gibt diese Theorie der Mimesis, dass jeder Mensch das verstehen kann, auch wenn es nicht deutlich ist.
VIVA: Die neue Single "Sorglos" wird für den Kinofilm "Verschwende Deine Jugend" verwendet. Wie fanden Sie den Film?
Spilker: Zuerst hat mich gestört, dass es doch so ein klassischer Rock'n'Roll-Film ist. Nach dem Motto "Junge Band macht Karriere". Das hat überhaupt nichts mit meiner Wahrnehmung der frühen 80-er zu tun. Das ist eher so ein 60er-Jahre-Mythos. Deshalb fand ich das erschreckend. Dann aber wiederum fand ich den Film als Komödie, die einfach beschreibt, wie es an einem Ort ist, wo eben alles fehlt, doch gelungen. Immerhin erklärt der Film, was damals alles nichts mit Punk oder Postpunk zu tun hatte. Wenn man das den jungen Menschen heute vermittelt, ist das ja immerhin schon mal was. Schraubt man die Erwartung etwas herunter, dann ist das ein schöner Film.
Eric Leimann
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