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Angst essen Seele auf  3sat 16.03.2006 22:25

Brigitte Miras große Rolle

Die Putzfrau Emmi (Brigitte Mira) und der Gastarbeiter Ali (El Hedi Ben Salem) begegnen sich, wagen einen linkischen Tango und heiraten später. (Bild: ZDF / Beta-Film, GmbH)
(tsch) Eine Art filmische Fingerübung sollte es sein, um sich die Zeit zwischen den Filmen "Martha" und "Effi Briest" zu vertreiben. In der Rekordzeit von nur 15 Tagen gedreht, gilt "Angst essen Seele auf" (1974) inzwischen längst als ein Schlüsselwerk Rainer Werner Fassbinders. In seinem Drama um Fremdenfeindlichkeit, Kleinbürgermief und Doppelmoral greift er noch einmal die Themen früherer Filme wie "Katzelmacher" (1969) auf und bettet sie in die Geschichte einer ebenso bewegenden wie unmöglichen Liebe ein. Die Hauptdarstellerin Brigitte Mira, die für diesen Film den Bundesfilmpreis bekam, verstarb am 8. März 2005 im Alter von 94 Jahren.

Emmis Kinder und ihr Ehegatte sind entsetzt, dass ihre Mutter noch einmal heiraten will - und dazu noch einen marokkanischen Gastarbeiter. Irm Hermann (Krista) und Rainer Werner Fassbinder (Eugen). (Bild: ZDF / Beta-Film, GmbH)
Die Attacken gegen Spießbürgertum und Blockwart-Mentalität fielen auch in Fassbinders 18. Film gewohnt heftig aus. Neu war allerdings, mit welcher Zärtlichkeit und Intensität er die Liebesgeschichte zweier Menschen erzählte, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Vorbild waren wieder einmal die Melodramen des deutschstämmigen Hollywood-Regisseurs Douglas Sirk, insbesondere "Was der Himmel erlaubt". Dort verliebt sich eine reiche Witwe in ihren Gärtner, was ihre gesellschaftliche Ächtung zur Folge hat.

Emmi Kurowski (Brigitte Mira) ist zwar alles andere als reich, aber auch sie wird durch eine in den Augen der Gesellschaft unmögliche Liebe zur Außenseiterin abgestempelt. In einer Kneipe, die bevorzugt von Gastarbeitern besucht wird, begegnet die ältere Dame dem Marokkaner Ali (El Hedi Ben Salem). Die beiden erkennen schnell, dass sie trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und des großen Altersunterschieds viel gemeinsam haben. Sie verlieben sich und heiraten sogar, was nicht nur bei Emmis Kindern Entsetzen hervorruft. Fortan wird sie von ihren Arbeitskolleginnen, ihren Nachbarn und selbst vom Lebensmittelhändler um die Ecke geschnitten.

In eindringlichen Bildern ohne Großaufnahmen, nicht selten durch Türrahmen gefilmt (Kamera: Jürgen Jürges), zeigt Fassbinder die beständig wachsende Distanz zwischen seinen Hauptfiguren und der Gesellschaft. Die geistige Enge wird in der Wahl der Schauplätze deutlich: Die Atmosphäre in Emmis kleiner, dunkler Wohnung ist genauso bedrückend wie die sterile Kälte eines Nobel-Restaurants, in dem das Paar ganz alleine Hochzeit feiert. Fassbinder wurde bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet. Der britische "Guardian" schrieb damals: "Fassbinder hätte die Palme bekommen müssen."

Hans Czerny

Links:

  Homepage der Fassbinder-Foundation

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