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"Im nächsten Jahr greife ich an!"

Prof. Dr. Guido Knopp feiert am So., 13.01., 23.45 Uhr, die 200. Folge "ZDF-History" und wird am 29.01. 60 Jahre alt

"Zunächst einmal müssen die Inhalte stimmen": Prof. Dr. Guido Knopp ist seit über zwei Jahrzehnten erfolgreich in Sachen Geschichts-TV. Am Sonntag, 13. Januar, feiert er die 200. Folge seines Formates "ZDF-History". (Bild: ZDF / Kerstin Bänsch)
(tsch) ZDF-Zeitgeschichtler Prof. Dr. Guido Knopp hat zu Jahresbeginn gleich zweimal Grund zu feiern. Der Mann, der vor 23 Jahren die ZDF Redaktion Zeitgeschichte aufbaute, feiert am Sonntag, 13. Januar, 23.45 Uhr, die 200. Ausgabe seines Erfolgsformates "ZDF-History" (13,2 Prozent Marktanteil und 1,3 Millionen Zuschauer am späten Sonntagabend), und am 29. Januar wird der Leiter von Deutschlands produktivster Doku-Schmiede 60 Jahre alt. Im Interview blickt der TV-Historiker schon wieder weit voraus und erklärt noch einmal sein nicht unumstrittenes Credo: "Aufklärung braucht Reichweite."

Hat "große Freude am Aufspüren von Trends und Tendenzen": Prof. Dr. Guido Knopp, der am 29. Januar sein 60. Lebensjahr vollendet. (Bild: ZDF / Kerstin Bänsch)
VIVA: Wenn man an Geschichtsdokumentationen im Fernsehen denkt, denkt man unweigerlich an Sie ... Worauf sind Sie im Rückblick auf über zwei Jahrzehnte Zeitgeschichts-TV besonders stolz?

Prof. Dr. Guido Knopp: Spontan fällt mir "Der verdammte Krieg" ein, eine Reihe zum Zweiten Weltkrieg, die mit am schwierigsten aus der Taufe zu heben war. Das Projekt realisierten wir in den Jahren 1991 bis 1995 gemeinsam mit dem erst sowjetischen, dann russischen Fernsehen. So etwas wäre heute undenkbar. Damals, als wir das anbahnten, Ende der 80er-Jahre, im Umfeld der deutschen Wiedervereinigung, in der Ära Gorbatschow, war manches leichter: Ich hatte Zugang zu allen möglichen russischen Archiven und Dokumenten. Herausgekommen ist etwas Einmaliges: 18 Filme, die zur gleichen Zeit und absolut synchron in Deutschland und in Russland ausgestrahlt wurden - zwischen Aachen und Wladiwostok dasselbe zeitgeschichtliche Programm - zum schlimmsten Kapitel der deutsch-russischen Geschichte. Das war auch ein Politikum ...

VIVA: Der Zeitgeschichtler, der selbst ein bisschen Geschichte schreibt ... - Geht es Ihnen auch darum, solche bleibenden Werke zu schaffen? Man denke an die alljährlich zu Silvester bei Phoenix ausgestrahlte Monumental-Reihe "100 Jahre", die erste filmische Aufarbeitung eines ganzen Jahrhunderts ...

Knopp: So etwas ist natürlich das Ideal. Aber es liegt auch im Gegenstand unserer Arbeit begründet: Das Gute an einem Geschichtsfilm ist, dass er nicht altert.

VIVA: Salopp formuliert, sind Sie für den Großteil der historischen Erwachsenenbildung in Deutschland zuständig. Eine Menge Verantwortung, ...

Knopp: ... der ich mich gern stelle. Das Fernsehen ist nun einmal das wirkungskräftigste Medium. Klar ist: Zunächst einmal müssen die Inhalte stimmen. Wir leisten uns eine große Zahl von historischen Beratern, die neben den eigenen Leuten zusätzlich für die Verifizierung aller Fakten und Sachverhalte zuständig sind. Nehmen Sie die jüngste Reihe, "Die Wehrmacht": Sie wird übrigens, wie wir gerade erfahren, weltweit laufen.

VIVA: Worin sehen Sie selbst Ihre besondere Verantwortung?

Knopp: Zunächst in der investigativen Aufklärung. Sie kennen mein Motto: "Aufklärung braucht Reichweite." Aber dazu kommt eine Verantwortung für politisch-historische Bildung und damit für Identität. Und da geht es uns nun immer mehr auch darum, die Zeit vor und vor allem nach der Nazi-Diktatur zu beleuchten. Das 20. Jahrhundert erschöpft sich nicht in den verbrecherischen Jahren. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts war die bislang beste und glücklichste Phase der deutschen Geschichte - markiert von einem völlig unerwarteten Happy-End, der deutschen Einheit. Das ebenso darzustellen, wie aufzuklären, was in der Diktatur geschehen ist - darin sehen wir unsere Verantwortung.

VIVA: Hätten Sie das Ganze gerne etwas weniger personalisiert?

Knopp: (lacht) Man kann sich dem nicht wirklich entziehen. Es kommt gelegentlich sogar vor, dass ich auf einen ARD-Film angesprochen werde. Dabei wünschte ich mir durchaus, dass die Arbeit meiner Autoren differenzierter beurteilt wird. Ich sage immer: Meine Rolle ist vergleichbar mit dem Dirigenten eines Orchesters. Ich dirigiere, aber die Geigen, Bratschen und Celli, das sind meine Autoren.

VIVA: 23 Jahre ZDF Redaktion Zeitgeschichte, 200 Folgen "ZDF History" - was treibt Sie immer noch an?

Knopp: Große Freude am Machen, am Gestalten von Filmen. Große Freude am Aufspüren von Trends und Tendenzen, die Emotionen von Menschen zu zeigen, wenn die Geschichte ihr Leben berührt. Wir wissen ja aus der Wirkungsforschung, dass es vor allem die Emotionen sind, die haften bleiben.

VIVA: Gerade an diesem Punkt setzen Ihre Kritiker an.

Knopp: Wenn Emotionen uns helfen, eine inhaltliche Botschaft zu transportieren, dann sind sie ein bereicherndes und legitimes Element in unseren Filmen. Ich kann mich nur wiederholen: Es geht bei dieser Arbeit um das dialektische Prinzip aus History und Memory, also ein Prinzip aus dem, was die Geschichtswissenschaft ermittelt hat und dem, was die Zeitzeugen erlebt haben. Und es geht um Reichweite.

VIVA: Wie leben Sie mit Kritik?

Knopp: Wenn man sich mit einem so kontroversen Thema wie der deutschen Zeitgeschichte, vor allem der Nazizeit, permanent öffentlich auseinandersetzt, darf man Streit nicht scheuen. Sachlicher Kritik stelle ich mich gerne, über unsachlicher Kritik stehe ich. Neid muss man sich verdienen, Mitleid kriegt man geschenkt.

VIVA: Zurzeit läuft ein großer Zeitzeugenaufruf Ihrer Redaktion für eine neue Doku-Reihe, die 2009 die Ereignisse rund um die deutsche Einheit reflektieren soll. Eigentlich ein Thema, bei dem wir alle Zeitzeugen sind, nicht wahr?

Knopp: Ja. Letzten Endes können sich alle, die 1989 zehn Jahre und älter waren, daran erinnern, was sie im November 1989 beim Mauerfall taten. Ich selbst war an jenem Wochenende in Berlin, erlebte am Übergang Glienicker Brücke, wie erwachsene Männer weinten, war beim legendären Konzert der Philharmoniker in der Philharmonie dabei, ein magischer Moment. Und ich war Augenzeuge, wie Bundespräsident Richard von Weizsäcker an der Mauer stand, auf die Öffnung wartete und ihn ein Offizier der DDR-Grenztruppen erblickte, auf ihn zumarschierte und dann zackig sagte: "Melde gehorsamst, Herr Bundespräsident, keine besonderen Vorkommnisse!" (lacht)

VIVA: Was ist zur 20-Jahr-Feier vorgesehen?

Knopp: Wir werden dem Mauerfall 2009, dem vielleicht schönsten Moment der deutschen Geschichte, einen großen Programmschwerpunkt widmen. Das Volk hat Geschichte gemacht, und das muss gewürdigt werden. Vorher, im Winter 2008 / 2009 senden wir ein großes, zehnteiliges Programm über die Geschichte der Deutschen. Die Reihe "Die Deutschen" wird von den Anfängen von Otto I. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein reichen. Sie wird vor allem eines deutlich machen: dass die drei großen Errungenschaften - Freiheit, Einheit und Frieden - in diesen 1.000 Jahren nie gleichzeitig vorhanden gewesen sind, außer in der Zeit ab 1989 / 1990. Historisch gesehen leben wir in glücklichen Jahren, und es lohnt sich, das den Menschen ins Bewusstsein zu rücken.

VIVA: Den Deutschen zu sagen, dass sie glücklich sind, ist eine Sache. Eine andere ist, sich um die Integration von Mitbürgern aus anderen Kulturkreisen zu kümmern. Wie gehen die Zeitgeschichtler des ZDF mit der wohl größten Herausforderung unserer Gesellschaft um? Was planen Sie zu den Themen Islamismus, Integration und latenter Terrorgefahr?

Knopp: Fraglos ein Thema, das die Emotionen der Zuschauer berührt. Es lohnt sich, historisch fundierte Information in die Diskussion mit einzubringen. Klar ist: Zur Integration gibt es keine Alternative. Wenn wir den Konfikt der Kulturen vermeiden wollen, müssen alle dazu beitragen, alle Seiten bereit sein. Und dazu dient sicher, da haben Sie recht, historisch vertiefende Information. Wir werden uns auch darum kümmern.

VIVA: Sie werden am 29. Januar 60 Jahre alt. Wie lange läuft die History-Maschine Knopp noch auf vollen Touren?

Knopp: Haha. Die gesetzliche Pensionszeit im ZDF, den 65. Geburtstag, werde ich auf jeden Fall voll wahrnehmen. Wissen Sie, zeitgeschichtliches Fernsehen zu machen, ist nicht nur ein Jungbrunnen, sondern auch ein Gesundbrunnen. Wenn es nicht mein Beruf wäre, dann wäre das mein Hobby.

VIVA: Was hält Sie sonst fit?

Knopp: Meine zauberhafte Frau. Für meine seelische Gesundheit spiele ich gelegentlich Cello, begleitet von meiner Tochter, und für meine körperliche Fitness gehe ich im Keller aufs Laufband und in die Sauna. Wenn das Wetter halbwegs taugt, dann bemühe ich mich, mein Handicap im Golfen zu verbessern. Es hat jahrelang auf gefühlten 36 stagniert, aber im nächsten Jahr greife ich an!

Frank Rauscher

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