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Das ZDF-Kulturmagazin "aspekte" wird 40 Jahre alt
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Das aktuelle Moderatoren-Team von "aspekte": Luzia Braun und Wolfgang Herles.
(Bild: ZDF/ Svea Pietschmann)
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(tsch) Nun haben wir es schwarz auf weiß: Der typische "Tatort"-Zuschauer liest mindestens drei Bücher im Monat, interessiert sich für moderne Kunst und geht regelmäßig ins Kino, um sich den neuesten Film von Wim Wenders oder Jim Jarmusch anzusehen. Umgekehrt liebt der "aspekte"-Seher Fernsehkrimis, insbesondere den "Tatort", und kann sämtliche Kommissare in alphabetischer Reihenfolge, von Nord nach Süd geordnet, aufsagen. Manch einer mag diese Theorie für wenig hieb- und stichfest halten, doch die Empirie spricht eine eindeutige Sprache: Seit das Erste am Freitagabend um 21.45 Uhr alte "Tatorte" sendet, leidet das Kulturmagazin "aspekte" unter akutem Zuschauerschwund. Das ZDF reagierte und verschob die Sendung um eine Stunde nach hinten auf nunmehr 23.00 Uhr. Und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr. Im Oktober wird "aspekte" 40 Jahre alt.
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Walther Schmieding war der "Erfinder" und erste Moderator von "aspekte".
(Bild: ZDF/ Barbara Oloffs)
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Das ZDF spricht wohlwollend von einer "Testphase". Es werde untersucht, ob das Format besser laufe, wenn es abends später gesendet wird. Noch später! - Der Aufschrei der Kulturpessimisten und Fernsehskeptiker klingt einem förmlich in den Ohren. Unentwegte werden wieder den Verfall der abendländischen TV-Kultur beklagen. Dabei ist ohnehin schon lange bekannt, dass kunstsinnige Fernsehgucker bei ARD und ZDF zu Nachtmenschen mutieren müssen. Für Hochkultur ist meist erst weit nach Mitternacht Platz. Das gilt für Arthaus-Filme genauso wie beispielsweise für die beiden Sondersendungen, die das ZDF zu Ehren des 40-jährigen Jubiläums von "aspekte" ausstrahlt.
Am Sonntag, 23. Oktober, sollte man entweder seinen guten alten Videorecorder aus dem Keller holen und selbigen auf 1.35 Uhr programmieren oder sich am nächsten Tag gleich ganz freinehmen. Nur trainierte Nachtschwärmer werden die vierstündige Best-of-Sendung von der Frankfurter Buchmesse vielleicht sogar ohne vorhergehendes Doping durchstehen. In "aspekte extra: Die Nacht des Blauen Sofas" bitten die beiden Moderatoren Luzia Braun und Wolfgang Herles wieder prominente Kulturschaffende aller Sparten zum Gespräch. Freuen darf sich der geneigte Zuseher auf Interviews unter anderem mit Franka Potente, Cees Nooteboom, Wim Wenders, Juli Zeh, Wolf Wondratschek, André Heller und Peter Scholl-Latour.
Die eigentliche Geburtstagssendung gibt es dann am Freitag, 4.11., um 0.55 Uhr. Unter dem optimistichen Titel "aspekte - die ersten 40 Jahre" lassen wiederum Luzia Braun und Wolfgang Herles die Geschichte des ältesten deutschen Kulturmagazins im Fernsehen Revue passieren.
Ein wenig wehmütig wird der eine oder andere zu später Stunde wohl werden. "Ein Kulturmagazin bildet den Wandel nicht bloß ab, es nimmt an ihm Teil", glaubt "aspekte"-Chef Herles unverdrossen. Was heute doch ein wenig nach Zweckoptimismus in einer primär an Quoten orientierten Fernsehwelt klingt, war zu besten "aspekte"-Zeiten durchaus ein Stück weit Realität.
Aus der Taufe gehoben wurde die Reihe am 17. Oktober des Jahres 1965 vom rührigen Leiter der ZDF-Redaktion "Literatur & Kunst", Walther Schmieding. Damals - Mitte der 60er-Jahre - bestätigte die Sendung noch alle Vorurteile, die der Durchschnittsbürger gegenüber der hehren Hochkultur haben mochte. Schmieding, mehr oder weniger liebevoll "der Dicke mit der Warze" genannt, moderierte vor einer grauen Wand.
Für den Normalzuschauer einigermaßen abschreckend waren auf den ersten Blick auch die Themen, die verhandelt wurden: klassische Musik, Literatur, Kunst. Populäres galt - noch - als verpönt. Dennoch gelang es Schmieding, vermeintlich Trockenes und wenig Massentaugliches ohne Dünkel und für den Durchschnittsseher verständlich zu vermitteln.
Seine Glanzzeit erlebte "aspekte" zweifellos unter Schmiedings Nachfolger Reinhart Hoffmeister. Der ehemalige "Spiegel"- und "Stern"-Redakteur verpasste der eher biederen Sendung eine Radikalkur, indem er sie politisierte und für gesellschaftlich relevante Themen öffnete. Auf einmal ging es auch um Popmusik, die sexuelle Befreiung und die Rebellion der 68-er gegen das Establishment. Noch besser: Bei "aspekte" war zum ersten Mal ein Penis im Fernsehen zu sehen - ein Ereignis, das damals nicht nur Hoffmeisters Vorgesetzte beim ZDF schockierte.
Die Flegeljahre der Gründerzeit sind längst vorbei. "aspekte" präsentiert sich heute als ein Magazin, das einen erweiterten Kulturbegriff propagiert und neben den tradtionellen Gattungen wie Literatur, Theater und Musik viele weitere Genres pflegt. Da geht es um Design und Architektur, Archäologie, Mode, Lifestyle und vieles mehr. Auch für politische Themen wie Terrorismus und Globalisierung ist Platz. Einbezogen wird mittlerweile (fast) alles, was den Menschen am Herzen liegt - und das ist nur in den wenigsten Fällen Hochkultur im allerengsten Sinne.
"Alle Genres sind gut, außer den langweiligen", hat Voltaire einmal geschrieben. So lange "aspekte" weiter nach diesem Motto verfährt, wird man beim ZDF - ungeachtet aller Quotenvorgaben und Sendetermindebatten - im Jahr 2044 wohl auf die "ersten 80 Jahre" von "aspekte" anstoßen können.
Tobias Köberlein
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