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| Martin Stadtfeld - Goldberg Variationen |
Klassik
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Wenn ausgerechnet Sony Classical die Goldberg-Variationen herausbringt, dann lässt das aufhorchen. Denn Sony ist nicht nur die Heimatfirma von Glenn Goulds beiden legendären, unübertroffenen Goldberg-Einspielungen, sondern auch noch die von Martin Pereiras wild-frischer Interpretation. Wenn man darüber hinaus erfährt, dass Martin Stadtfeld erst zarte 23 Jahre alt ist und sich an solch harten Tobak wie ausgerechnet den Goldberg-Stoff wagt, dann kann, dann muss man davon ausgehen, dass uns hier seit langer Zeit endlich mal wieder ein fantastischer, junger deutscher Pianist ins Haus steht. Noch dazu einer, der aussieht, wie ein Popstar.
Für Klassik-Neulinge folgt eine kleine Lektion in Sachen Goldberg-Variationen, die Profis können es überspringen. Es geht die nicht zu bewahrheitende Fama, dass Johann Sebastian Bach diese Aria und ihre 30 Variationen für den schlaflosen Adeligen Graf von Keyserlingk geschrieben hat, der sich damit seine quälend langen Nächte versüßen sollte. Der Hofcembalist Johann Gottlieb Goldberg, Keyserlingks Schützling, sollte den Job übernehmen, seinen Chef mit diesem Stück sanft in den Schlaf zu spielen. Natürlich ist das alles Legende, wunderschön erfunden vom Johann Nikolaus Forkel in der Biografie von 1802. - Wie nun also spielt Stadtfeld diesen so anregenden Stoff, der vor allem dem Pianisten eher Schlafstörungen bereitet denn beseitigt? Stadtfeld hat Bach nicht nur intellektuell begriffen wie ein alter Hase, er geht sogar weit über das übliche Interpretations-Muster hinaus. Das Langsame spielt er betont langsam, das Schnelle im wilden Galopp! Die Aria nimmt er in vier Minuten und 45 Sekunden! Zeitlupen-Rekord, der junge Gould brauchte 1'53, bei seiner zweiten Einspielungen 3'05 und selbst Pereira nimmt sich nur 3'58 Zeit. Aber diese Ruhe ist nicht alles, Stadtfeld verlegt auch immer wieder beide Hände um eine Oktave nach außen, doppelt Stimmen und kreuzt gar die Hände, um die Stimmen zu tauschen, legt den Bass also in den Diskant und umgekehrt. Allerdings immer nur in den Wiederholungen. Ein Bach-Anarcho? Mitnichten! Abgesehen davon, dass er so die Klangstruktur der beiden Registraturen und damit Stimmungen des Cembalos für den Flügel übersetzt, geht diese Idee weiter in die "richtige" Richtung: Barock war Variation, Improvisation, war Sinnlichkeit. Auch Bach stellt man sich hier nicht als vergeistigten Fugenrechner, sondern eher als den sinnlichen und humorfreudigen Menschen vor, der er ja war, um den herum ein gutes Dutzend seiner Kinder wuselten, wenn er komponierte. Stadtfeld bringt uns diese lebendige Saftigkeit von Bach endlich wieder nahe. Dass Stadtfeld ein unglaublicher Virtuose ist, braucht hier nicht weiter erwähnt zu werden. Man gewinnt nicht einfach mal so Jahr für Jahr sämtliche "Jugend musiziert"- und dann auch noch den "Busoni"- und den "Leipziger Bachwettbewerb"! Als nächstes hat sich Stadtfeld natürlich Beethovens Hammerklaviersonate und Mozart vorgenommen. Noch mehr schlaflose Nächte, für uns, die wir gespannt warten, und natürlich für ihn selbst. - Allen Fans der Goldberg-Variationen von Glenn Gould sei gesagt, dass auch Stadtfeld Gould als großes Vorbild angibt - hörbar. Neueinsteiger, die die Goldberg-Variationen noch gar nicht besitzen, müssen sich neuerdings nicht mehr zwischen vier, sondern zwischen fünf fantastischen Interpretationen entscheiden (von den hunderten, die es gibt): zwischen den beiden von Glenn Gould und denen von Pereira, Andràs Schiff und Stadtfeld. A Star is born!
Meisterwerk
Kati Hofacker
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