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"Wartet nicht auf einen Superhelden!"

Björn Harras spielt in "GZSZ" (montags bis freitags, 19.40 Uhr, RTL) den Fiesling Patrick Graf

"Ich war schon immer ein sehr offener, mündiger und politischer Mensch": Björn Harras (26) engagiert sich privat für eine bessere Welt - bei "GZSZ" ist er für den eher unsympathischen Part des smarten Patrick Graf jr. zuständig. (Bild: RTL / Rolf Baumgartner)
Wer behauptet, in Daily-Soaps gibt es keine anspruchsvollen Spiel-Rollen, kennt Patrick Graf jr. noch nicht. Was die Arroganz angeht, kann es der schmierige Yuppie jedenfalls beinahe mit dem legendären "GZSZ"-Oberfiesling Dr. Gerner (gespielt von Wolfgang Bahro) aufnehmen. Schauspieler Björn Harras (26) ist seit Ende 2009 für diesen komplett durchtriebenen und karrieregeilen Typen, zweifellos eine der markantesten Gestalten im jungen deutschen Serienfernsehen, zuständig. Und er macht seine Sache so gut, dass man richtiggehend erleichtert ist, im Interview auf einen ganz normalen und vor allem sehr sympathischen jungen Mann mit aufrichtiger Attitüde zu treffen. Harras ist wirklich das komplette Gegenteil des obersmarten Designeranzug-Trägers aus dem RTL-Dauerbrenner "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" (montags bis freitags, 19.40 Uhr).

Privat das komplette Gegenteil des karrieregeilen Anzugträgers: Schauspieler Björn Harras mag's eigentlich ganz gerne leger. (Bild: RTL / Rolf Baumgartner)
VIVA: Sie wollen also "ein kleines bisschen die Welt verändern"? Steht zumindest auf Ihrer myspace-Seite!

Björn Harras: (lacht) Absolut will ich das! Ich war schon immer ein sehr offener, mündiger und politischer Mensch.

VIVA: Auch aktiv?

Harras: Ja. Ich habe mich mit 16 Jahren in meiner Teenagerzeit schon politisch, auch parteipolitisch, engagiert. Zum Beispiel war ich 2002, nach Robert Steinhäusers Amoklauf in meiner Heimatstadt Erfurt, einer der Mitbegründer der Initiative "Schrei nach Veränderung" und maßgeblich an der Demonstration beteiligt, die sich für ein anderes Schulsystem einsetzt und mit 4.000 Schülern die größte Schüler-Demo in ganz Thüringen war. Ich saß im Thüringer Schüler- und Jugendparlament und setze mich bis heute gegen Rassismus, Gewalt und Intoleranz ein.

VIVA: Die Popularität des Seriendarstellers kann dabei nicht schaden ...

Harras: Sie ist sogar Teil des Plans (lacht). Da muss man sich nur mal meine myspace-Seite anschauen mit dem lustigen Profilbildchen ganz oben ...

VIVA: Auf dem Sie in einer Art "Super-Björn"-Kostüm ein Hakenkreuz zerschmettern!

Harras: Ja, Humor gehört dazu (lacht). Mir geht's darum, immer wieder solche kleinen Zeichen zu setzen und Statements abzugeben - auch in einem Interview oder ganz aktuell in dem Kurzfilm "Nicht warten! Starten!", den ich zusammen mit einigen anderen "GZSZ"-Schauspielern gedreht habe. Und wenn man mit solchen Aktionen nur ein paar junge Leute zum Nachdenken anregen könnte, wäre doch schon was gewonnen.

VIVA: Hört sich spannend an!

Harras: Ja, der Film ist ein Appell für Zivilcourage und wird in Kürze auf www.gzsz.de zu sehen sein. Die Geschichte: Eine Gruppe junger Leute und so ein typischer Nerd stehen an einer Straßenbahnhaltestelle. Etwas abseits wartet auch ein Rollstuhlfahrer auf die Bahn, als plötzlich ein paar Jugendliche kommen und anfangen, ihn zu drangsalieren ... Der Nerd, natürlich ein heimlicher Superheld ...

VIVA: Aha, da ist er wieder, der Super-Björn!

Harras: Genau. Er rennt in eine Telefonzelle, um sich sein Superhero-Outfit überzustreifen. Gleichzeitig stehen draußen die anderen jungen Leute etwas ratlos vor der Situation und fragen sich: Wo bleibt er nur, der Held, wir müssten doch langsam mal eingreifen? Irgendwann kommen sie aber doch auf die Idee, dass sie gemeinsam stark genug sind, um dem Rollstuhlfahrer zu helfen. Die Moral von der Geschicht: Wartet nicht auf einen Superhelden, sondern nehmt die Sache selber in die Hand!

VIVA: Oder: Zivilcourage hat nichts mit Heldentum zu tun!

Harras: So sieht's aus. Ich sage immer: Zivilcourage ist das Heldentum des ganz normalen Bürgers.

VIVA: Spielen Sie mit dem Gedanken, später noch einmal aktiv in die Politik einzusteigen?

Harras: Ich kann's mir zumindest vorstellen. Ich habe keine konkreten Pläne, aber das ist schon noch ein Gedanke, den ich im Hinterkopf habe. Wer weiß, was noch kommt? - Vielleicht werde ich ein ganz großer Schauspieler, oder es kommt so, dass den Harras kein Mensch mehr sehen will.

VIVA: Die Themen Rechtsradikalismus und Integration liegen Ihnen besonders am Herzen. Die Multikulti-Fußballnationalmannschaft macht da eine Menge Hoffnung, oder?

Harras: Natürlich. Es wäre eine coole Sache, wenn das die Richtung vorgeben würde. Das Schöne ist: Es feierten ja bestimmt auch rechtsgesinnte Menschen mit, als Özil sein Tor gegen Ghana schoss. Die können gar nicht anders, wenn sie für Deutschland sind. Und vielleicht findet mit dieser unterschwelligen Akzeptanz auch bei einigen Leuten ein Umdenken statt. Die Mannschaft spiegelt ja nur wider, was in Deutschland und in vielen anderen Ländern Sache ist: Wir leben nun mal in einer Multikulti-Welt. Ich finde zwar, man sollte die kulturellen Unterschiede wahrnehmen und vielleicht auch weiter pflegen, aber Hass und Gewalt haben in dieser Welt doch längst nichts mehr verloren.

VIVA: So weit sind wir aber wohl noch lange nicht ...

Harras: Ich kam aus Erfurt, einer Stadt mit einer Arbeitslosenquote von damals 15 Prozent und einem Migrantenanteil von vielleicht zwei Prozent, nach Berlin-Neukölln. Ich fragte mich immer, wie sollen die paar Ausländer den Deutschen die Jobs wegnehmen können? Und doch begegnete mir dort in Thüringen, und gerade auf dem flachen Land, weitaus mehr Ausländerfeindlichkeit als in Berlin, wo der Anteil an Menschen mit Zuwanderungshintergrund um ein Vielfaches höher ist. Zweifellos gibt es hier auch große Probleme mit jungen Menschen aus diesem Kreis, habe ich selber oft erlebt, aber die haben eine klare Ursache.

VIVA: Die da wäre?

Harras: Perspektivlosigkeit! Und die hat nicht die Stadt Berlin zu verschulden, sondern die Bundesrepublik Deutschland, weil sie sich in den 70er- und 80er-Jahren geradezu geweigert hat, diese Menschen wirklich zu integrieren ...

VIVA: Was wurde konkret versäumt?

Harras: Sich um die Bildung zu kümmern. Es gibt zu viele junge Leute mit Migrationshintergrund ohne Bildungsabschluss. Das kann nicht sein, wie kann ein Land Menschen ohne Abschluss aus der Schule gehen lassen! Was da bis heute immer wieder aufs Neue versäumt wird, fällt eben knallhart auf die Gesellschaft zurück.

VIVA: In "GZSZ" wird die ethnische Vielfalt Berlins ja durchaus abgebildet. Zeichnen der Kreuzberger Dönerladen und der von einem sympathischen Türken geführte Spätkauf um die Ecke ein realistisches Bild?

Harras: Ich finde, ja. Das ist echt nah dran. Es gibt, glaub ich, in Neukölln und Kreuzberg keinen einzigen Späti, der von einem Deutschen geführt wird. Die Leute, die Läden, gehören einfach zum Kiez - in echt wie in der Serie. Wobei sie natürlich meistens auch in ihren Vierteln bleiben. Was sollen die auch aufm Kudamm?

VIVA: Fast nur junge, sympathische Menschen in "GZSZ" - und mittendrin der arrogante, schmierige Fiesling Patrick Graf. Die Rolle muss Ihnen großen Spaß machen!

Harras: (lacht) Und ob! Er ist der Antagonist zu allen anderen jungen Leuten in "GZSZ", praktisch jeder hasst ihn - und ich liebe diese Rolle! Das Schöne daran ist, dass sie mit mir selbst ja fast nichts zu tun hat - beziehungsweise das glatte Gegenteil von mir ist. Schon rein äußerlich: Ich habe privat eine ganz andere Haltung, trage Chucks, T-Shirt und kurze Hosen und keine Designeranzüge. Aber sobald ich in der Maske war und den letzten Blick in den Spiegel werfe, dann weiß ich's genau: Da ist er wieder, der Patrick Graf, und ich kann ihn jederzeit aus der Tasche holen. Ein unglaublicher Spaß! Aber wenn ich aus den Klamotten raus und abgeschminkt bin, streife ich die Figur lieber wieder komplett ab. Der ekelhafte Kerl bleibt in der Garderobe.

VIVA: Hat die Hauptrolle Ihr Leben verändert?

Harras: Es ist natürlich relativ viel Arbeit, ich muss früh raus, habe oft nur fünf, sechs Stunden Schlaf - aber ich werde mich bestimmt nicht beschweren. Und es bleibt mir immer noch genügend Zeit für anderes - zum Beispiel Improvisationstheater. Ich spiele jeden Mittwochabend, 20.30 Uhr, im Ratibor Theater in Kreuzberg "Die Gimmicks - Man sieht sich immer zwei Mal". Sie müssen das unbedingt schreiben (lacht)!

Frank Rauscher

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  Agenturseite Björn Harras
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