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| Der Blindfisch, der nicht ins Netz geht
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Jacob Matschenz
spielt eine der Hauptrollen in "Renn wenn du kannst" (Kinostart: 29.07.)
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"Renn wenn du kannst" ist eine Dreiecksgeschichte, in der neben Jacob Matschenz auch Anna Brüggemann und Robert Gwisdek (rechts) spielen.
(Bild: Zorro Film)
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Vom reizenden "Lächeln der Tiefseefische" zum brutalen "Zweier Ohne" über den bemerkenswerten "Neandertal". Jacob Matschenz spielt aggressive Grenzgänger so überzeugend wie sensible Neurodermitiker. Matschenz, der echte Berliner Jung, hat mit seinen 26 Jahren ungefähr dieselbe Anzahl an Filmen gedreht, ohne das jemals "gelernt" zu haben. "Renn wenn du kannst" (Kinostart: 29.07.) scheint sein Motto - und so heißt auch sein aktueller Film, in dem er als Zivi was fürs Leben lernt. Er betreut einen unwesentlich älteren, zynischen Rollstuhlfahrer.
Menschen mit Handicap und seine eigene Musterung sind zwei der Themen, über die der quirlige Schauspieler spricht. Matschenz redet schnell und berlinert stark, turnt durch das Treppenhaus des Kinos. Zur braunen Anzughose trägt er Hemd und Hosenträger - und eine Hornbrille. Irgendwann ist er eingefangen und sitzt endlich beim Interview.
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Wandelbar ist ein gutes Wort, um den Autodidakten Jacob Matschenz zu beschreiben. In "Neandertal" (2006) gab er einen Neurodermitiskranken.
(Bild: Farbfilm / Tom Trabow)
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VIVA: Seit wann tragen Sie denn eine Brille?
Jacob Matschenz: Ich bin ziemlich kurzsichtig, hatte auch schon einmal eine, die ich dann verloren habe, weil ich so schlampig bin. Und da ich ungern zum Arzt gehe und volle Wartezimmer nicht leiden mag, habe ich den neuen Termin lange vor mir hergeschoben. Diese Brille hier habe ich erst seit gestern. Bitte notieren: Sie ist kein Versuch auf schlau zu machen, ich bin ein ziemlicher Blindfisch.
VIVA: Dann waren Sie also bis dato halb blind. Haben Sie seitdem schon aufregende, neue Erfahrungen gemacht?
Matschenz: Ja, ich saß gestern bei einer Veranstaltung in der letzten Reihe und habe auf der Bühne trotzdem Anke Engelke erkannt.
VIVA: Bleiben wir mal bei den skurrilen Dingen: Haben Sie immer noch kein Internet?
Matschenz: Nein. Ich will keine Informationen, die ich nicht brauche. Ein Drehbuch lese ich gerne auf Papier. Für wichtige Dinge habe ich ein Telefon und faxen kann ich im Internetshop.
VIVA: Aber Sie telefonieren auch nicht gerne.
Matschenz: Stimmt, aber was bespricht man denn schon? Man verabredet sich um fünf und dann meldet man sich noch mal, schreibt eine Mail, schickt eine SMS, ruft noch mal durch. Das macht doch keinen großen Sinn.
VIVA: Sie sind in Berlin geboren ...
Matschenz: ... und da will ich auch sterben. So sehr es mich manchmal annervt. Jawohl, wir haben einen gewissen "Nationalstolz" (grinst).
VIVA: Ihre ganze Familie lebt in Berlin und Sie wohnen mit Ihrer älteren Schwester zusammen.
Matschenz: Ja, da sie nicht so oft zu Hause ist und ich auch viel unterwegs bin, geht man sich nicht so schnell auf die Nerven. Wir haben das als Experiment betrachtet, nachdem sie aus Leipzig zurückkam nach ihrem Studium. Weder sie noch ich wollten alleine wohnen. Ich finde, das funktioniert gut.
VIVA: Da Sie es anderen nicht leicht machen, Sie überhaupt zu erreichen, haben Sie sicher einen Plan B neben der Schauspielerei.
Matschenz: Nein, ich würde auf jeden Fall beim Film bleiben. Ich mag diese Arbeit, die Chaotenhaufen aus Individualisten mit kuriosen Lebenswegen, die was auf die Beine stellen. Vielleicht würde ich es als Beleuchter versuchen oder auch Kameraassistent. Irgendwie als Praktikant anfangen und mich reinarbeiten. Von irgendwas muss ich ja leben ...
VIVA: Ist das bei so vielen Filmen ein Thema, dass das Geld nicht zum Leben reicht?
Matschenz: Es ist ja nicht jedes Projekt bezahlt. Bei Aldi an der Kasse verdienste wahrscheinlich mehr. Aber: Ich muss das ja nicht machen. Das Problem kennt jeder Nichtfestangestellte.
VIVA: Sind Sie noch abgesichert von zu Hause?
Matschenz: Mit 26? Ich hoffe nicht. Das wäre mir unangenehm. Ich bin mit 18 ausgezogen und würde mir ungern von meinen Eltern Geld leihen.
VIVA: Sind Sie eigentlich immer noch Autodidakt?
Matschenz: Ja, deswegen bin ich sehr abhängig vom Regisseur. Mir ist wichtig, dass er Humor hat, auch wenn der Film ernst ist (nimmt die Brille ab, stützt sich aufs Knie, überlegt kurz). Ich finde es unangenehm, wenn alle ganz betreten am Set umherlaufen, weil wir so einen anspruchsvollen Film drehen.
VIVA: "Renn wenn du kannst" kaschiert seine Ernsthaftigkeit mit Sarkasmus. Sie betreuen als Zivi einen Rollstuhlfahrer. Wie anstrengend war es, Robert Gwisdek herumzuwuchten?
Matschenz: Das war nicht so schlimm, Robert ist ja wie ich ein ziemliches Fliegengewicht. Ich mach nur immer so ein Tamtam drum, wenn ich ihn rumhebe. Es gab schon körperlich anspruchsvollere Filme als "Renn wenn du kannst".
VIVA: Das ist ein toller Titel. Rennen Sie auch manchmal weg, wenn es geht?
Matschenz: Am besten immer - und am liebsten von mir selbst.
VIVA: Dann haben Sie den richtigen Beruf erwischt, oder?
Matschenz: Das Ziel ist, Stehenbleiben zu lernen. Das betrachte ich als lebenslange Aufgabe. Die Gegenüberstellung mit mir selbst ist das Schwerste, was es gibt. Das ist genau wie der Satz "Sei doch einfach du selbst". Das klingt so simpel, aber ich empfinde es als ganz schönen Brocken. Man muss sicher innehalten, aber ich bin eher der hibbelige Typ und will nicht immer grübeln.
VIVA: Hat der aktuelle Film Sie zum Nachdenken gebracht?
Matschenz: Oh ja, das hat er. Ich möchte nicht behaupten, dass ich Berührungsängste mit körperlich oder geistig behinderten Menschen habe. Ich hatte schlicht kaum Berührungspunkte. Also war ich zur Vorbereitung in einem Zentrum für betreutes Wohnen, wo ich mich unglaublich hilflos gefühlt habe. Mir geht es nicht um Körperpflege oder Ekel. Aber mich hat es fertiggemacht. Ich kann das nicht genau beschreiben.
VIVA: Aber es hat nachgewirkt.
Matschenz: Das hat es. Als ich dort war, fand ich es noch nicht mal so schlimm, schlimmer war die Nacht danach. Da habe ich gemerkt, dass es mir nicht leicht fällt, so was auszuhalten. Ich habe lange wach gelegen mit einem diffusen Schamgefühl, weil ich überlegt habe, ob ich intolerant bin. Es gibt Leute, wie der Zivi, der dort gearbeitet hat, die da leidenschaftlich dabei sind. Anderen fällt das schwer.
VIVA: Sie sind selbst also kein Zivi gewesen?
Matschenz: Nein, ich war mit 16 bei der Musterung, wurde aber nie angerufen. Bis heute hat sich keiner bei mir gemeldet und jetzt mit 26 bin ich raus. Ich habe einfach Glück gehabt.
Claudia Nitsche
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